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Kulturnation
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Der Begriff der Kulturnation beschreibt eine wissenschaftlich umstrittene Auffassung, die unter einer Nation eine Gemeinschaft von Menschen versteht, die sich durch Sprache, Traditionen, Kultur und Religion miteinander verbunden fĂŒhlen, also durch Zugehörigkeit zu einer Kultur. Das NationalgefĂŒhl einer Kulturnation beruht auf einer gemeinsamen Kultur. Eine Kulturnation ist einem Staat gedanklich vorgelagert und von staatlichen Grenzen unabhĂ€ngig, sie existiert auch ohne eigenen Nationalstaat.cite-ref-1[1] Im Fall âverspĂ€teter Nationenâ kann das im Begriff der Kulturnation enthaltene ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl zeitlich der GrĂŒndung eines Nationalstaats vorausgehen, so im Falle Deutschlands und Italiens im 19. Jahrhundert.
Contents
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Betonung der in einem Staat existierenden Hochkultur
Gelegentlich wird der Begriff Kulturnation auch zur Betonung der Ansicht benutzt, dass eine bestimmte Nation eine besonders wertvolle Kultur hervorgebracht habe und ihre Mitglieder besonders gebildet seien. Als besonders schmerzlich empfinden es beispielsweise AnhĂ€nger dieser Sichtweise, dass das Konzentrationslager Buchenwald nur wenige Kilometer von den WirkungsstĂ€tten Goethes und Schillers in Weimar entfernt liegt. Den wertenden Aspekt des Begriffs Kulturnation brachte BundesprĂ€sident Horst Köhler am 3. Oktober 2008 mit den Worten: âKulturlosigkeit öffnet die TĂŒr zur Barbareiâ auf den Punkt.cite-ref-2[2]
Der Auffassung, Kultur und Barbarei seien unvereinbare GegensĂ€tze, widerspricht Walter Benjamin: âEs ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Ăberlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.âcite-ref-3[3]
Im Sinne einer âStaatsnation mit einer hochentwickelten Kulturâ sind auch LĂ€nder wie Frankreich Kulturnationen, auf die das Definitionselement der Staatsgrenzen ignorierenden Kulturnation nicht zutrifft.cite-ref-4[4]
Eine Vielzahl von Museen, Theatern, OpernhĂ€usern usw., die ĂŒber das ganze Land verstreut sind, gibt es gerade in jenen Staaten, die erst spĂ€t entstanden sind (vor allem in Deutschland und in Italien; siehe auch Polyzentrismus). Bis heute profitiert ein Land wie Deutschland davon, dass seine kleinteiligen politischen Strukturen im gröĂeren Rahmen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und darĂŒber hinaus bis zur GrĂŒndung des (Klein-)Deutschen Reiches 1871 in den glĂŒcklicheren Phasen eine Konkurrenz auch um kulturelle Einrichtungen nach sich zogen. Die Kunstsammlungen kleinerer und gröĂerer FĂŒrstentĂŒmer sowie der Königreiche bilden den Kernbestand einer Residenzkultur, auf die die Kommunen, die LĂ€nder und der Bund bis heute zurĂŒckgreifen können.cite-ref-5[5]
Im wertenden Sinne zu verstehen ist auch der hĂ€ufig in politischen Auseinandersetzungen benutzte Topos: âDas ist einer Kulturnation unwĂŒrdig.â (Beispiele: Kommentare zur Todesstrafe in den Vereinigten Staaten, Kommentare zu den drastischen KĂŒrzungen des Kulturetats 2009 und 2010 in Italiencite-ref-6[6]cite-ref-7[7] oder zum Entzug des Welterbe-Status fĂŒr das Elbtal in Dresdencite-ref-8[8].)
Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 5. MĂ€rz 1974 muss Artikel 5 Abs. 3 GGcite-ref-9[9] dahingehend interpretiert werden, dass er eine âobjektive Wertentscheidung fĂŒr die Freiheit der Kunstâ in Deutschland enthalte. Die Verfassungsnorm âstellt [âŠ] dem modernen Staat, der sich im Sinne einer Staatszielbestimmung auch als Kulturstaat versteht, zugleich die Aufgabe, ein freiheitliches Kunstleben zu erhalten und zu fördern.âcite-ref-10[10]
Der Begriff Kulturnation im deutschen Sprachraum des 19. und 20. Jahrhunderts
Der Begriff bĂŒrgerte sich Ende des 19. Jahrhunderts ein.cite-ref-11[11] Er wurde von BefĂŒrwortern einer weniger durch Politik und militĂ€rische Macht als durch Kulturmerkmale reprĂ€sentierten Nationsdefinition wie dem Historiker Friedrich Meinecke verwendet. Meinecke sah in den kulturellen Gemeinsamkeiten neben gemeinsamem âKulturbesitzâ (z. B. die Weimarer Klassik) vor allem religiöse Gemeinsamkeiten. Von Volkstum ist bei ihm noch nicht die Rede. Damit bekommt der Begriff deutsche Kulturnation einen wertenden, und zwar die Deutschen aufwertenden Unterton (vgl. den Topos von den Deutschen als dem Volk der Dichter und Denker). Wolfgang Thierse schrieb 2005 ĂŒber die Zeit vor der GrĂŒndung des Deutschen Reichs: âDie deutsche Nation entstand, als der deutsche Nationalstaat historisch noch in weiter Ferne lag. Die Deutschen konnten nicht auf feste Grenzen zurĂŒckgreifen, wenn sie einen Begriff von sich als Nation entwickeln wollten. Was sie gemeinsam hatten, waren Sprache, Traditionen und Nationalsymbole, die Erinnerung an einige groĂe Köpfe wie Martin Luther oder Johannes Gutenberg oder die Erinnerung an das versunkene Alte Reich.âcite-ref-12[12]
Das Bewusstsein, eine Nation zu sein, bildete sich im 19. Jahrhundert. Das BildungsbĂŒrgertum, spĂ€ter Burschenschaften und Turnvereine, waren die ersten, die die Menschen deutscher Muttersprache als geistig hoch entwickelte Nation betrachteten und angesichts der Fragmentierung des deutschen Sprachraums, der als Deutschland bezeichnet wurde, in viele Kleinstaaten den Begriff der Nation auch als oppositionellen politischen Begriff verstanden. Sie wollten freie Deutsche (AbkĂŒrzung fĂŒr die deutschsprachigen Menschen) sein und nicht mehr Untertanen in kleinen FĂŒrstentĂŒmern mittelalterlicher PrĂ€gung.
Dabei stand das ethnische Element bei den Politikern noch nicht im Vordergrund: Als in der Frankfurter Nationalversammlung die Grundrechte diskutiert wurden, erklÀrte der Abgeordnete Wilhelm Jordan am 4. Juli 1848:
âJeder ist ein Deutscher, der auf dem deutschen Gebiet wohnt [âŠ]. Die NationalitĂ€t ist nicht mehr bestimmt durch die Abstammung und die Sprache, sondern ganz einfach bestimmt durch den politischen Organismus, durch den Staat [âŠ] das Wort âDeutschlandâ wird fortan ein politischer Begriff.âcite-ref-13[13]
Die gescheiterte deutsche Revolution von 1848 verstand also Deutschland als politische Nation, nicht als ethnisch fundierte Gemeinschaft.
Das schlieĂlich nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gegrĂŒndete Deutsche Reich definierte die Nation zunĂ€chst nicht neu. Das alte StaatsbĂŒrgerschaftsrecht seiner Gliedstaaten blieb bestehen. Das preuĂische StaatsbĂŒrgerrecht von 1842 war nicht ethnisch gewesen. Es musste von der RealitĂ€t des Mehrvölkerstaates ausgehen, da PreuĂen Ende des 18. Jahrhunderts gemeinsam mit Russland und Ăsterreich Polen aufgeteilt hatte und deshalb viele ethnische Polen in PreuĂen lebten. Ăberhaupt wurden seinerzeit die Einwohner eines bestimmten Territoriums noch in erster Linie als Untertanen des jeweiligen Landesherrn angesehen, die ethnische Zugehörigkeit war demgegenĂŒber nachrangig. Erst die Völkische Bewegung schuf die geistigen Grundlagen, die dem Begriff der Nation eine ethnische Bedeutung verliehen. SchlieĂlich konnte in einem monarchischen Obrigkeitsstaat, den das Deutsche Reich darstellte, ein von demokratischen Idealen bestimmter Nations- und StaatsbĂŒrgerschaftsbegriff im republikanischen Sinne ohnehin nicht in Frage kommen. 1913 wurde das ius sanguinis, das Abstammungsrecht, zum Leitprinzip bei der gesetzlichen Festlegung der deutschen Staatsangehörigkeit. Ein ius soli (etwa nach dem Muster der USA) lehnte man ab.cite-ref-14[14]
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges trug die Vorstellung einer Kulturnation zur inneren Einigung im Sinne des Burgfriedens bei. Sie wurde in den Ideen von 1914 zu einem Gegensatz gegen Frankreich zugespitzt, dem man unterstellte, keine Kultur, sondern nur Zivilisation zu besitzen. Nach 1918 half der Rekurs auf die angeblich ĂŒberlegene deutsche Kultur, die unverstandene Niederlage zu kompensieren.cite-ref-15[15]
Die Vorstellung einer Kulturnation auf völkischer Grundlage wurde wĂ€hrend der NS-Zeit verbreitet, indem die Nationalsozialisten festlegten, wer aus dem âVolkskörperâ auszugrenzen war. Als âSchĂ€dlinge im deutschen Volkskörperâ wurden dabei von ihnen die Juden identifiziert, ungeachtet ihrer Verdienste fĂŒr die deutsche Kulturnation.
Thilo Ramm vertritt die These, dass im historischen RĂŒckblick die deutsche Kulturnation nicht Staatsnation geworden sei. Dem habe geographisch die Option fĂŒr âKleindeutschlandâ entgegengestanden, und es habe in Deutschland bis 1945 zumeist an Freiheit gemangelt. Nach 1945 sei Deutschland mit der Ăbertragung der Kulturhoheit auf die LĂ€nder in die Zeit vor der ReichsgrĂŒndung (1871) bzw. der Weimarer Republik zurĂŒckversetzt worden.cite-ref-16[16]
WĂ€hrend seiner Amtszeit als Bundeskanzler vertrat Willy Brandt die Ansicht, es gebe eine âsystemĂŒbergreifend fortbestehende deutsche Kulturnationâ, die als âeinigendes Bandâ zwischen der Bundesrepublik und der DDR fungieren könne. Art. 7 des Grundlagenvertrags sah unter anderem den Abschuss von Abkommen auf dem Gebiet der Kultur vor. Ost-Berlin hingegen vertrat die These von einer eigenstĂ€ndigen sozialistischen Kultur, die sich nach 1945 im Ostteil Deutschlands entwickelt habe. Ein deutsch-deutsches Kulturabkommen kam erst 1986 nach langwierigen Verhandlungen zustande.cite-ref-17[17]
Brandts Sichtweise findet sich auch in Artikel 35 des Einigungsvertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik:cite-ref-18[18]
âIn den Jahren der Teilung waren Kunst und Kultur â trotz unterschiedlicher Entwicklung der beiden Staaten in Deutschland â eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation. Sie leisten im ProzeĂ der staatlichen Einheit der Deutschen auf dem Weg zur europĂ€ischen Einigung einen eigenstĂ€ndigen und unverzichtbaren Beitrag. Stellung und Ansehen eines vereinten Deutschlands in der Welt hĂ€ngen auĂer von seinem politischen Gewicht und seiner wirtschaftlichen Leistungskraft ebenso von seiner Bedeutung als Kulturstaat ab. Vorrangiges Ziel der AuswĂ€rtigen Kulturpolitik ist der Kulturaustausch auf der Grundlage partnerschaftlicher Zusammenarbeit.âcite-ref-19[19]
Der Historiker Otto Dann bestreitet dagegen die Berechtigung der Beschreibung Deutschlands als Kulturnation, weil âkulturelle und nationale IdentitĂ€t unter den Deutschsprachigen niemals ĂŒbereingestimmtâ hĂ€tten: Die deutschsprachige Kulturgemeinschaft, zu der etwa auch die Deutschschweizer zu rechnen seien, sei immer von gröĂerem Umfang gewesen als die deutsche Nation. Zudem verleite das Konzept dazu, volksdeutsch oder groĂdeutsch missverstanden zu werden, wie es in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts verbreitet werden. Deshalb sei es âfĂŒr die Deutschen in Europa nicht brauchbarâ.cite-ref-20[20]
Gerd Langguth erklĂ€rte 1996, mit der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands im Jahr 1990 sei âdas theoretische Konstrukt einer deutschen Kulturnation ĂŒberwundenâ worden.cite-ref-21[21]
Der Philosoph Wolfgang Welsch bewertete 2010 den Begriff Kulturnation als âdubiosâ: âEinst waren Gruppen durch Blutsgemeinschaft zusammengeschweiĂt â jetzt soll die Kultur diese Funktion ĂŒbernehmen. âKulturnationâ ist Blutsgemeinschaft soft.âcite-ref-22[22]
âEinem Volk oder Stamm wurde ein einheitliches âWesenâ zugesprochen, das zumeist auf einen âZusammenklangâ von Rasse, Landschaft und Geschichte zurĂŒckgefĂŒhrt wurde. [âŠ] Die soziale Differenzierung von Volk und Stamm [âŠ] unterblieb jedoch, hĂ€tte sie doch die Auffassung von der Einheitlichkeit des Volkstums in Frage gestellt.âcite-ref-23[23]
Der Historiker Hans-Ulrich Wehler sieht im Konzept der Kulturnation drei Nachteile: Zum einen war es damit nicht möglich, wirklich alle Angehörigen der deutschen Kultur staatlich zu einen: Der Anspruch, etwa auch Deutschbalten und Russlanddeutsche einzubeziehen, wurde deshalb nicht erhoben. Auch war das Konzept durchaus geeignet, angeblich Fremde (wie preuĂische Polen, deutsche Juden) oder Sozialdemokraten auszugrenzen, wie es etwa im Kaiserreich geschah. Drittens erwies sich das Konzept als problemlos kompatibel mit allen politischen Systemen, die es seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland gab, ob monarchisch wie das Kaiserreich, demokratisch wie die Weimarer Republik oder diktatorisch wie der NS-Staat.cite-ref-24[24]
Der Begriff in Deutschland heute
Im positiven Recht der Bundesrepublik Deutschland wird die Idee der Kulturnation aufgegriffen. So wird der Begriff der deutschen Volkszugehörigkeit im § 6 Bundesvertriebenengesetz auch ĂŒber die Kultur definiert: âDeutscher Volkszugehöriger im Sinne dieses Gesetzes ist, wer sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestĂ€tigt wird.â Diese Definition zeigt, dass der Begriff deutsche Volkszugehörige in Artikel 116 des Grundgesetzes auch im Sinne der Konzeption einer Kulturnation zu verstehen ist.
Die CSU bekennt sich in ihrem Grundsatzprogramm vom 28. September 2007 zur âdeutschen Kulturnationâ:
âDie CSU bekennt sich zur deutschen Kulturnation. Ihre Sprache, Geschichte, Traditionen und die christlich-abendlĂ€ndischen Werte bilden die deutsche Leitkultur. Das VerstĂ€ndnis unserer eigenen kulturellen IdentitĂ€t ist nicht zuletzt fĂŒr den Dialog mit anderen Kulturen eine Grundvoraussetzung.âcite-ref-25[25]
Im Grundsatzprogramm der CDU vom 4. Dezember 2007 steht der Satz:
âDeutschland ist eine europĂ€ische Kulturnation, geprĂ€gt vor allem durch die christlichjĂŒdische Tradition und die AufklĂ€rung. Kunst und Kultur formen nicht nur die IdentitĂ€t des Einzelnen, sondern auch die unserer ganzen Nation. Wir wollen das reiche kulturelle Erbe unseres Landes bewahren, das geprĂ€gt ist durch die Vielfalt seiner LĂ€nder und Regionen.âcite-ref-26[26]
Im Gegensatz zum Grundsatzprogramm der CSU ist jedoch im Programm der CDU nicht von einer âdeutschen Leitkulturâ, sondern von einer âLeitkultur in Deutschlandâ die Rede.cite-ref-27[27]
In einem Interview betonte Wolfgang Thierse 2008, Deutschland sei dank der Politik der SPD verstÀrkt zu einer Kulturnation geworden.cite-ref-28[28]
In der Geschichtswissenschaft wird der Begriff scharf kritisiert. Christian Jansen bezeichnet ihn als ideologisch und moniert die darin implizierte Frontstellung gegen Frankreich und das dort verbreitete Konzept einer Willensnation (Ernest Renan). Dahinter stehe letztlich die nationalistische Vorstellung, die deutsche Kultur sei der französischen Zivilisation ĂŒberlegen. Als analytisches Instrument tauge der Begriff nicht, da die wenigsten Prozesse einer Nationenbildung sich mit dem Begriff der Kulturnation fassen lasse.cite-ref-29[29]
Das EuropĂ€ische Institut fĂŒr progressive Kulturpolitik (EIPCP) beklagte 2005 die âdie Beschwörungsformel âKulturnation Deutschlandââ. Es habe unter der rot-grĂŒnen Bundesregierung (1998â2005) tatsĂ€chlich eine âNationalisierung der Kulturpolitikâ gegeben: Zu den Neuerungen hĂ€tten die EinfĂŒhrung des Amtes eines Kulturstaatsministers, der Enquete-Kommission Kultur in Deutschland und der lĂ€nderĂŒbergreifenden Bundeskulturstiftung gehört. Die Etablierung einer Berliner âHauptstadtkulturâ habe die BundeslĂ€nder automatisch in den Status der Provinz degradiert.cite-ref-30[30] Zugleich kritisiert das EIPCP die Sprachverwendung im 21. Jahrhundert: Eigentlich sei âKulturnationâ ein Begriff, der fĂŒr Völker verwendet werde, die zwar in keinem gemeinsamen Staat lebten, sich aber durch Abstammung, Sprache, Kultur und Geschichte miteinander verbunden fĂŒhlten. Mithin könne man diesen Begriff auf das Deutschland der Gegenwart eigentlich nicht mehr anwenden.
Laut dem Ethnologen Martin Sökefeld ist die primordialistische Vorstellung, es gĂ€be konstante Grenzen und kulturelle Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen oder Kulturen, im deutschen Alltagsdiskurs weit verbreitet. Sie werde politisch zur Ausgrenzung von Zuwanderern genutzt. Den Sozialwissenschaften dagegen sei sie âĂŒberwiegend suspekt gewordenâ, wo man beginne, sich âvom (normativen) Konzept der singulĂ€ren, homogenen Kultur im Nationalstaat zu lösenâ. Hier setze man stattdessen auf die Idee der HybriditĂ€t, wonach Kultur immer eine Mischung verschiedener EinflĂŒsse und Praktiken sei.cite-ref-31[31]
Literatur
âą Georg Schmidt: Friedrich Meineckes Kulturnation. Zum historischen Kontext nationaler Ideen in Weimar-Jena um 1800. In: Historische Zeitschrift 284, 2007, S. 597â622.
Weblinks
âą Enquete-Kommission Kultur in Deutschland â Impulse fĂŒr die Kulturnation. In: Blickpunkt Bundestag 3/2006
âą Bassam Tibi: Leitkultur als Wertekonsens. Bilanz einer missglĂŒckten deutschen Debatte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 1-2/2001
Einzelnachweise
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cite-note-22. â http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2008/10/103-1-bpr.html
cite-note-33. â Walter Benjamin: Ăber den Begriff der Geschichte, in: ders.: Illuminationen. AusgewĂ€hlte Schriften. Bd. 1. Frankfurt am Main 1974, S. 253 f.
cite-note-44. â Kulturnation Frankreich, frankreichkontakte.de
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cite-note-66. â Gerhard Murmelter: Berlusconis âHaushaltsmassakerâ â Eine Kulturnation dankt ab, in: Der Spiegel vom 7. August 2008.
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cite-note-1010. â BVerfGE 36, 321 (331)
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